Russland

Die Anfänge

Nach Jahrzehnten der Isolation und der ideologischen Vereinnahmung zeigte sich in der Sowjetunion zur Zeit der Perestroika ein großes Interesse an Alternativen zur staatlich und kommunistisch gelenkten Pädagogik. Auch die Waldorfpädagogik mit ihrem ausgeprägt freiheitlichen und künstlerischen Impuls fand spontan viele Anhänger. Sie bot mit ihrer Verankerung im anthroposophischen Menschenbild suchenden Menschen eine echte Kraftquelle in einer Phase radikalen Wandels und weltanschaulicher Orientierungslosigkeit. Gerade den Kindern, die in eine völlig neue, mit vielen Fragezeichen versehene Welt hineinwuchsen, wollten viele Eltern und Pädagogen eine ganz andersartige Erziehung ermöglichen, als sie ihnen selbst staatlicherseits aufgezwungen worden war. Die Kinder verkörperten die Hoffnung auf eine neue, eine bessere Periode. Ihnen sollte mehr Freude und Licht geschenkt werden. Zahlreiche Begegnungen mit Waldorfpädagogen aus westlichen Ländern führten bald zu dem Wunsch, auch in der sich öffnenden Sowjetunion mit der praktischen Umsetzung dieser Impulse zu beginnen. In diesem aufgeschlossenen, stark idealistisch geprägten Umfeld nahm 1991 das Moskauer Waldorfkindergartenseminar seine Tätigkeit auf, noch kurz vor dem Auseinderbrechen des sowjetischen Staates.

 

Die Entwicklung des Seminars

Das Moskauer Waldorfkindergartenseminar konnte sich den widrigen materiellen und politischen Bedingungen zum Trotz bald als zukunftsfähige, stabile Institution etablieren. Die Ausbildung lag zunächst größtenteils in den Händen erfahrener Dozentinnen und Dozenten, die regelmäßig aus westlichen Ländern anreisten oder ständig in Russland präsent waren. Im Lauf der Jahre konnte die Lehrtätigkeit immer stärker von einheimischen Kräften übernommen werden. Seit seiner Gründung 1991 konnten insgesamt 271 Waldorfkindergärtnerinnen aus ganz Russland ihre Ausbildung am Moskauer Seminar abschließen.(Stand Januar 2010).
 Die Ausbildung findet berufsbegleitend, d,h. in Blockkursen statt und dauert drei Jahre. Die StudentInnen kommen in den ersten beiden Jahren dreimal pro Jahr für drei Wochen zum Studium nach Moskau,  im dritten Ausbildungsjahr dreimal für eine Woche. Während dieser Zeit finden Praxisbesuche statt.
 Darüber hinaus führt das Kindergartenseminar auch Fortbildungskurse für die Absolventinnen und Einführungskurse für Interessierte durch. Jeden Herbst  findet an wechselnden Orten eine Kindergärtner/Innentagung statt, zu der Absolventinnen aus ganz Russland anreisen.
 
Auch in der russischen Bildungslandschaft konnte sich das Seminar und damit die Waldorfpädagogik insgesamt fester verankern: Im Jahr 2000 begann die Zusammenarbeit mit der „Russischen Akademie zur Fortbildung und Umschulung der Pädagogen und Beamten des Bildungswesens“, einer für ganz Russland tätigen Fortbildungseinrichtung. Als sehr wichtiger Schritt ist ferner zu nennen, dass im Frühjahr 2001 der „Methodische Leitfaden für den Waldorfkindergarten“ vom Bildungsministerium der Russischen Föderation nach einem langwierigen Prüfungsverfahren anerkannt wurde.
 

Die Stellung der Waldorfkindergärten in Russland

Gegenwärtig gibt es etwa 42 Waldorfkindergärten in Russland, deren Gründung auf die Absolventinnen des Moskauer Seminars zurückgeht. Der Schwerpunkt liegt im europäischen Teil der russischen Föderation, aber auch sibirische Städte haben sich zu einem Zentrum der Waldorfpädagogik entwickelt. Viele dieser Waldorfkindergärten sind rechtlich gesehen in staatlicher Trägerschaft verblieben. Dabei handelt es sich entweder um einzelne Waldorfgruppen innerhalb eines Kindergartenkomplexes oder ganze Staatskindergärten, die als Waldorfkindergarten arbeiten. Diese Situation, die einerseits die Finanzierung erleichtert, fordert andrerseits die Abstimmung mit den Behörden, deren Verständnis für die Waldorfpädagogik stets gefördert werden muss. Die Waldorfkindergärten in rein privater Trägerschaft (etwa 20 %) sind in besonderem Maße auf das Engagement der Erzieherinnen und Eltern auch in materieller Hinsicht angewiesen.

 

Zukunftsaufgaben

Nach Jahren stürmischer, mitunter auch chaotischer Entwicklung kann man sagen, dass die Waldorfpädagogik in Russland Fuß gefasst hat und einen Beitrag dazu leistet, junge Menschen zu freieren und mündigeren Bürgern zu erziehen. Wie in allen Bereichen ist aber auch auf dem Gebiet der Pädagogik die Tendenz des russischen Staates spürbar, verlorenes Terrain wieder zurückzuerobern und stärkere Reglementierungen durchzusetzen. Die Waldorfkindergärten in Russland müssen durch ihre Qualität überzeugen, wenn sie in diesem Umfeld bestehen bleiben wollen. So gilt es jetzt, das Entstandene zu stützen, Qualität weiter zu entwickeln und durch die Gemeinschaft Kraft und Mut zur Arbeit zu vermitteln.
Mit dem Waldorfkindergartenseminar ist darüber hinaus eine Einrichtung entstanden, die vielen Menschen durch die Begegnung mit Anthroposophie eine echte Neuorientierung und Stütze inmitten der sehr unsicheren Lage bietet. Auch diese Aufgabe des Seminars stellt eine stets neue Herausforderung dar. Vor allem aber kommt es darauf an, das große innere Engagement der Student/Innen aufzugreifen, die mit einem starken Impuls für die Arbeit mit Kindern an das Seminar kommen.


Projektbegleiter:
Svetlana Efremova, sdef@mail.ru
Regina Hoeck, regina.hoeck@arcor.de

e-mail Zentrum:
waldorfcentr@list.ru
 

Kontaktadresse in Deutschland:
Regina Hoeck, Rauensteinstr. 69, 88662 Überlingen, Tel.: 07551/ 650 59, Fax.: 07551/ 301 404
e-mail: regina.hoeck@arcor.de