Kirgisien
Der berufsbegleitende Kurs in Kirgistan

Wenn man auf der Landkarte den Doppelkontinent Eurasien anschaut, so findet man fast in der Mitte das kleine Land Kirgistan. Dieser kleine Staat ist direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 entstanden. Die bis über 7000 m hohen Berge und die fruchtbaren Gebirgstäler bestimmen nicht nur das Klima des Landes, sondern auch den Charakter und die unterschiedlichen Beziehungen zwischen den Menschen. In Kirgistan, wo die Wege der Seidenstraße sich kreuzten, war das Leben der Menschen immer voller Kontraste und Gegensätze. Hier lebten schon immer unterschiedliche Völker mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen miteinander oder ganz dicht nebeneinander. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass alles, was sich hier abspielt, wie in einem magischen Kristall die gesamte Kirgistan umgebende Welt durchsichtig macht und abspiegelt. Aus diesem Grund gehören wohl nach Angaben der Unesco die Werke des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatov heute zu den meist gelesenen Büchern in der Welt. Dabei schreibt der Autor nur über Ereignisse und Menschen, die in einer kleinen verlorenen Republik mitten in Zentralasien wohnen. Die Kinder der ersten Waldorfschule in der UDSSR am Kinderzentrum Nadjeschda in Kirgistan hatten großes Glück. Denn der bekannte kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatov wurde Ehrenpräsident dieser Schule, in der die Lehrer und Erzieher versuchten, mit Hilfe der Waldorfpädagogik Kindern aus verschiedensten Nationalitäten, mit verschiedenen Religionen und Sprachen und behinderten Kindern die gleichen Lernchancen zu ermöglichen.
Von Anfang an wurde diese integrative Waldorfschule von den verschiedensten Kindern besucht. Sie war die erste Waldorfschule überhaupt, die den Status einer assoziierten Schule durch die UNESCO bereits 1991 erhalten hat. Aber die Zeiten änderten sich.
Ein ganze Reihe der Erzieher verließen das Kinderzentrum Nadjeschda und gründeten eigene an der Waldorfpädagogik orientierte Kindergärten für gesunde Kinder. Das Interesse an der Waldorfpädagogik begann zu wachsen. Und seit dem Jahr 2003 findet in Bischkek jedes Jahr im Juni ein zentralasiatisches Forum und Seminar statt, an dem alle Waldorfinitiativen aus den anderen zentralasiatischen Republiken teilnehmen.
Durch die Pisa-Studie angeregt, begann sich auch der kirgisische Staat für unsere pädagogische Richtungen zu interessieren. So führte der kirgisische Staat als einziges Land in Zentralasien im Jahr 2006 die Pisa-Studie durch.
Allen Teilnehmern am Bildungsprozess in Kirgistan wurde danach klar, dass eine Bildungsreform kommen musste. Und bereits im Jahr 2009 war die Arbeit an dem neuen nationalen Curriculum abgeschlossen. Dieses Curriculum ist eindeutig auf den Erwerb von Kompetenzen anstelle des bisherigen benoteten Wissenserwerbs gerichtet.

Im Jahre 2006 wurde die Leiterin des Kinderzentrums Nadjeschda, Karla-Maria Schälike, vom kirgisischen Bildungsministerium als Expertin zur Erstellung des neuen Standarts für Vorschulerziehung eingeladen. Im Jahr 2007 lud das kirgisische Bildungsministerium auf Empfehlung von Karla-Maria Schälike den Dozenten des Stuttgarter Kindergartenseminars, Peter Lang, nach Kirgistan ein. Und bereits im Herbst 2007 begannen die berufsbegleitenden Kurse für Waldorferzieherinnen und Unterstufenlehrerinnen an der Arabajewa Universität in Bischkek. Das kirgisische Bildungsministerium, die IASWECE und das Zentrum für alternative und freie Pädagogik am Gert-Michael-Fond unterschrieben ein gemeinsames Memorandum. Die UNICEF finanzierte die Teilnahme von Leiterinnen im Kindergarten aus den südlichen Teilen des Landes (Batken-Gebiet) seit 2007 sowohl am Zentralasiatischen Forum und Waldorf-Seminar als auch am berufsbegleitenden Kurs an der Arabajewa Universität.
Das Interesse an der Waldorfpädagogik war so groß, dass anstelle der erwarteten 30 Teilnehmer 45 Menschen sich zum Kurs angemeldet haben. Wie zu erwarten war, verließen einige den Kurs im Laufe der Zeit. Aber an ihre Stelle traten neue Teilnehmer aus der früheren Hauptstadt von Kasachstan Alma Ata. Am Ende des ersten zweijährigen Blocks besuchten an Stelle der erwarteten 20 Teilnehmer immer noch mehr als 30 Menschen regelmäßig die Kurse. Die Zusammensetzung der Teilnehmer ist ebenfalls sehr interessant. Die Kurse werden sowohl von einfachen Kindergärtnerinnen als auch von Direktorinnen großer staatlicher Kindergärten, von Erzieherinnen aus Privatkindergärten und dörflichen Kindergärten, als auch von Dozentinnen der Fakultät der Arabajewa Universität und von Grundschullehrerinnen besucht.

Im Jahr 2010 findet die Ausbildung als praktische Ausbildung in den einzelnen Kindergärten unter Begleitung erfahrener ausländischer Kindergärtnerinnen und eines erfahrenen Dozenten, Dr. Wolfgang Auer, statt. Neben der Praxisbegleitung begleiten diese Betreuer auch die Kurs-Arbeit, die jede der Teilnehmerinnen im Herbst beim Seminar verteidigen wird. Für das Jahr 2011 sind weitere Kurse und ein offizieller Abschluss mit einer anschließenden Diplomarbeit geplant.
Projektleitung:
Igor Iljitsch Schälike (nadeshda@elcat.kg)
Dr. Wolfgang Auer (wolfgangmauer@yahoo.de)