Waldorfpädagogik in der frühen Kindheit- Erziehung zur Freiheit und sozialen Verantwortung
Waldorfpädagogik in der frühen Kindheit- Erziehung zur Freiheit und sozialen Verantwortung

von Peter Lang

Achtung der Individualität des Kindes
Kinder kommen als Individualitäten zur Welt, die sich mit ihren Begabungen, Neigungen, Interessen und auch Handicaps entwickeln und ihren eigenen Weg gehen wollen.
Um diesen Prozess so gut wie möglich zu gestalten, brauchen sie kompetente erwachsene Vorbilder, liebevolle und sichere Beziehungsverhältnisse und ihre eigene Entwicklungszeit.
Kinder gehören nicht in das Zeitraster der Erwachsenenwelt und auch nicht in deren politische oder wirtschaftliche Zweckvorstellungen.
Kinder sind lernfähige, lernfreudige und lernbereite Wesen. Ihre Entwicklungsfenster sind gerade in den ersten Kindheits- und Schuljahren besonders weit geöffnet.
Daraus entsteht die Verantwortung, ihre Lebenswelt so zu gestalten, daß sie sich gesund entwickeln können.

Vorbild und Nachahmung- Zauberworte in der Waldorfpädagogik
Kleine Kinder sind neugierig und interessiert. Sie beobachten die Erwachsenen ganz genau und ahmen das, was sie da wahrnehmen nach.
So ist es die Aufgabe des Erwachsenen, der mit kleinen Kindern lebt, sich möglichst so zu verhalten, das sich das nachahmende Kind daran orientieren kann. Kleine Kinder unterscheiden noch nicht, ob die Art und Weise, wie ein Erwachsener spricht, sich bewegt, eine Arbeit verrichtet oder denkt, gut, liebevoll und sachgemäß ist, oder nicht. Kinder ahmen Alles nach, da sie mit dem Urvertrauen auf die Welt kommen, das diese Welt gut ist und auch die Erwachsenen „gute Menschen“ sind.
Aus dieser Erwartungshaltung der kleinen Kinder heraus erwächst die große und verantwortungsvolle, pädagogische Aufgabe des Erwachsenen, so gut es eben gehen mag, die Welt- und auch sich selbst- immer wieder, Tag für Tag, ein Stück gut, das heißt vorbildhaft und nachahmenswert- werden zu lassen. 

Förderung einer gesunden Entwicklung
Neben einer gesunden Ernährung und viel Bewegung sind es insbesondere drei Erziehungsziele, die zu einer körperlich, seelisch, geistigen und sozialen Gesundheit beitragen.
-Kinder wollen und sollen Schritt für Schritt die Welt in ihren Zusammenhängen erkennen lernen, wobei dieser Vorgang keineswegs nur ein intellektueller, sondern ebenso ein gefühlsmäßiger, sozialer, ethisch- moralischer und ein Tätigkeitsprozess ist. Heinrich Pestalozzi nannte es eine Erziehung und Bildung von Kopf, Herz und Hand.
-Kinder möchten Vertrauen in ihre eigenen wachsenden Kräfte und Fähigkeiten erwerben,
-Kinder wollen Schritt für Schritt die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns, Fühlens und Denkens entdecken.

Waldorfpädagogik - eine Tätigkeitspädagogik
In den Entwicklungsjahren vor der Schule steht in der Waldorf- Erziehung der Kinder nicht die intellektuelle, oft abstrakte Erklärpädagogik im Mittelpunkt, sondern die Kinder sollen viel Zeit und Raum haben, angeregt durch das sinnvolle Tun des Erwachsenen, sich und die Welt durch eigenes Handeln zu entdecken. Die vielleicht bedeutsamste Form aktiven kindlichen Handelns nennen wir das Spiel. Eine gesunde Kindheit heißt- Zeit zum Spielen lassen.

Gesunde Kindheit - Zeit zum Spielen
In der Zeit bis zur Schulreife, die sich meist zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr ausbildet werden bei den Kindern drei Spielformen sichtbar.
Bereits im ganz kleinen Kind, das den Kopf hebt, sich auf die Arme stützt, zum Sitzen kommt und immer wieder übt, bis es steht und die ersten Schritte macht, wird menschlicher Wille, Tätigkeitsdrang sichtbar. Dieser Tatandrang prägt das Spiel der allerersten Lebensjahre. Was das Kind sinnlich wahrnimmt, setzt es direkt in Tätigkeit um: Es entsteht eine spielende Tätigkeit, die noch weitgehend zweckfrei ist, oft verknüpft mit der Freude an der Wiederholung. Wenn diesem Tätigkeits- und Bewegungsdrang genügend Raum und Zeit gegeben wird, entsteht ein Stück des Fundamentes für einen aktiven, tatkräftigen Erwachsenen, der etwas leisten will und kann.
In der zweiten Spielstufe, etwa zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr, gesellt sich zum reinen Tätigkeitsdrang die Spielfantasie. Die Fantasiekraft des Kindes schafft gleichsam die Welt neu, gestaltet sie um, indem das sinnlich Wahrgenommene jetzt innerlich bewegt, fühlend umgeformt und spielend neu gestaltet wird; hier wird der Boden bereitet, auf dem die aktive Kreativität des späteren Erwachsenen sich entfalten kann.
Ungefähr zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr zeigt sich eine dritte Qualität. Mehr und mehr durchdringen Vorstellungs- und Verstandeskräfte das Spiel des Kindes, seine Gedächtniskräfte nehmen intensiv zu, es reift zu einem sozialen Wesen. Die Kinder organisieren nun ihr gemeinsames Spielen, entwickeln Regeln, planen und treffen Verabredungen. Die Kinder beherrschen mehr und mehr die Sprache und entdecken ihre unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten, sie beobachten immer genauer und detaillierter.Diese dritte Qualität des kindlichen Spiels bereitet die spätere Fähigkeit zur klaren gedanklichen Durchdringung der Weltzusammenhänge vor.
Keiner dieser Entwicklungsschritte im kindlichen Spiel ist verzichtbar, keiner darf vernachlässigt oder etwa verkürzt werden, alle sind unschätzbare Bausteine für die spätere Lebensgestaltung des Erwachsenen.

Kindheit vor der Schule- Zeit zum Erwerb von Basiskompetenzen
Kinder lernen immer, sie beginnen damit gleich nachdem sie geboren sind. So nehmen sie bereits nach wenigen Stunden mit Hilfe ihres Geruchssinns sozialen Kontakt zu ihrer Mutter auf; nach wenigen Tagen unterstützt der Gehörsinn diese Beziehungsintensität zwischen Mutter und Kind. Kinder sind von Anbeginn an lernende Wesen und so bauen sie zum Beispiel mit ihren Sinnen ein lebenswichtiges sozialen Beziehungsnetz auf.
Oft herrscht die Meinung vor: Im Kindergarten wird nur gespielt – erst in der Schule wird gelernt. Diesem verhängnisvollem Irrtum müssen wir begegnen und versuchen, ihn auszuräumen. Das Kindergartenkind lernt mit höchster Intensität, aber eben anders als das Schulkind.
Fragt man danach, was Kinder vor der Schulfähigkeit lernen wollen und sollen, so wird es sich sinnvoller Weise um Grundfähigkeiten, so genannte Basiskompetenzen handeln, auf denen später schulisches Lernen überhaupt erst aufbauen kann. Der Erwerb dieser Basiskompetenzen vollzieht sich nicht etwa im Sinne von schulischem Lernen, sondern ist integraler Bestandteil des „pädagogischen Alltags“ eines Waldorfkindergartens und wird von den Kindern wahrgenommen und erlebt; beim Spielen, Singen, Arbeiten im Garten, dem Erleben der Jahreszeiten, im Reigen, beim Hören von Märchen, im Verzicht auf elektronische Medien, Feiern von Festen, Zubereiten des Frühstücks, auf Spaziergängen, beim Übernehmen von kleinen Pflichten, beim Erleben eines rhythmisch gestalteten Tages- und Wochenablaufs, im Aufgehoben sein in einer liebevollen Athmosphäre in schön gestalteten Räumen und Vielem mehr.
Insofern ist keine dieser Kompetenzen zu vereinzeln oder gar abfragbar, alle gehören zusammen, keine darf fehlen.

Diese Basis-Kompetenzen sind:
1. Körper- und Bewegungskompetenz
2. Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz
3. Sprachkompetenz
4. Fantasie- und Kreativitätskomptenz
5. Sozialkompetenz
6. Motivations- und Konzentrationskompetenz
7. Ethisch-moralische Wertekompetenz

Kindheit in Gefahr
Im 20. Jahrhundert haben sich in vielen Ländern der Welt die Lebens- und Entwicklungschancen für Kinder verbessert. In vielen Ländern besuchen Kinder Schulen, haben Rechte und genießen Schutz vor staatlicher Willkür, in vielen Ländern ist Kinderarbeit verboten, die medizinische Versorgung ist gut- es ist ein Bewußtsein davon entstanden, daß Kindheit ein schützenswertes Gut ist.
Dennoch besteht überhaupt kein Grund zur Zufriedenheit. Täglich werden mehr als 40.000 Kinder in aller Welt Opfer von Hunger und Krankheit. Kriege, Epidemien, zunehmende Verarmung bedrohen Millionen von Kindern in aller Welt.
Aber auch in den Ländern, in denen Frieden und Wohlstand herrscht, sind die Entwicklungschancen für Kinder nicht automatisch gut.
Da werden Kinder häufig wie Erwachsene behandelt, das Konsum- und Medienzeitalter hat längst sein Interesse an ihnen entdeckt. Die Vorverlegung des Schuleintrittsalters verkürzt die Kindheit. Durch die Umverteilung des Wohlstandes von unten nach oben, die in vollem Gange ist, wird Kindheit bedroht- vielerorts entsteht neue Kinderarmut.
So stellt sich für das 21. Jahrhundert - und das heißt immer für uns Erwachsene- erneut die Aufgabe, es zu einem Jahrhundert des Kindes zu machen, in dem die Entwicklungsgesetze und gesunden Lebensbedingungen der Kinder nachhaltig geachtet, geschützt und verwirklicht werden. Kindheit entsteht nie von selbst- wir müssen sie schaffen!

„Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muß am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürgen und deren größter Reichtum sind.“

Nelson Mandela