Die Entdeckung des „ICH“
Die Ich- Entwicklung zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr
von Marie-Luise Compani, Stuttgart
Lisa ist ein kleines quirliges Mädchen im Alter von zwei Jahren. Sie kommt seit einiger Zeit in eine kleine familienorientierte Gruppe, in der Kinder im Alter von 1- 7 Jahren mit zwei Erziehern von morgens bis zum frühen Nachmittag den Tag verbringen.
Für Lisa, die keine Geschwister hat und deren Mutter alleinerziehend ist, eine große Chance sich in einen kleinen sozialen Zusammenhang einzuleben, ihre Erfahrungen zu sammeln und mit Kindern verschiedenster Altersstufen ihre frühe Kindheit zu erleben.
Lisa hat sich schnell in den Rhythmus der Gruppe eingefunden und bereitwillig schwimmt sie im Strom des ganzen Gruppengeschehens mit.
Ihr Spiel zeichnete sich durch Mischen, Mengen, Häufen und Stapeln der Spielmaterialien aus. Sie spielt überwiegend für sich in einer ruhigen Ecke und wird von Zeit zu Zeit von den älteren Kindern mit deren Spiel einbezogen. Das macht sie eine Weile bereitwillig mit, zieht sich dann heraus und geht dann ihren Beschäftigungen wieder nach. Gerne hält sie sich in der Nähe des Erwachsenen auf, spielt dort in der Küche, öffnet Schränke und räumt ein und aus.
In ihr Spiel taucht sie vollständig ein, sie ist ganz Auto, Kran, Katze usw. und benennt sich eben auch dementsprechend. So ist Lisa das Auto und spielt nicht „als ob“.
Sie benennt sich mit ihrem Namen und ist sprachlich nicht so gewandt, um mit den älteren Kindern in einen Dialog zu kommen. Differenzen, die auf Grund der sprachlichen Barriere bestehen, werden häufiger mit „Schupsen“ oder „Hauen“ bereinigt. Mit Geduld wird zwischen den Kindern geschlichtet und getröstet. Die älteren Kinder sind natürlich zunächst irritiert, dass ein kleines Kind einfach zuhaut und sie reagieren entrüstet auf Lisas Unfähigkeit sich sprachlich zu formulieren.
Nach und nach gehen sie jedoch auf Lisa ein und sie können mit ihrem Verhalten besser umgehen.
Sie ist ein kleiner Bewegungskünstler und klettert gewand und behänd auf die Trip-Trap Stühle hinauf und hinunter und falls sie einmal fällt, ist sie ohne großes Aufsehen schnell wieder auf ihren Beinen. Beim täglichen Spaziergang ist ihr gesamter Körper wie ein Hüpfball in Bewegung.
Nach Gesprächen mit Lisas Mutter, die besorgt über die „Aggressionen“ ihrer Tochter ist, wird verabredet, dass Lisa, sooft es die berufliche Situation ihrer Mutter zulässt, zu Hause bleiben kann. So kommt Lisa öfters zu einem langen Wochenende und diese längeren Ruhephasen tun ihr ausgesprochen gut.
Dazu erkrankt sie für eine längere Zeit vor den Ferien, so dass sie eine größere Auszeit von der Kinderstube hatte.
Als sie nach den Ferien wiederkommt, ist sie nun zwei Jahre und vier Monate. Ihr Wortschatz hat sich enorm vergrößert und sie kann sich viel besser artikulieren. Die "Schupserei" und das „Hauen“ tritt nur noch vereinzelt auf. Sie spielt überwiegend für sich, schiebt Stühle und Hocker durch die Gegend, ist begeistert und ausdauernd in ihrem Spiel. Ab und zu gesellt sich ein etwas ältere Junge dazu und sie spielen gemeinsam.
Es vergehen noch ein paar Wochen, in denen sie ausgeglichen und zufrieden mit sich spielt. Dann holt sich Lisa eine Grippe und bleibt für eine Woche zu Hause.
Als sie zurückkehrt und im Morgenkreis auf dem Schoß einer Erzieherin sitzt, benennt sie sich mit „Ich“. Nun horchen die Erzieher auf und tatsächlich spricht sie nicht mehr von Lisa, sondern das Wort „ Ich“ hat sie sich einverleibt. Die ersten Tage spricht sie noch von „Ich- Puppe-auch und umschreibt so eben das Personalpronomen. Täglich lassen sich ihre Fortschritte verfolgen und es ist erstaunlich, wie schnell sie sich nun die entsprechende Grammatik aneignet. So spricht nun von meiner Puppe und das gehört mir.
In ihrem Spiel bezeichnet sie sich nun als Bus oder Auto, aber eben sagt sehr deutlich: ich bin ein Auto oder ein Bus“.
So wie sie sprachlich einen großen Entwicklungsschritt gegangen ist, macht sich dieser auch in ihrem Bewusstsein sehr deutlich. Plötzlich kann sie problemlos mit den anderen Kindern spielen, teilt sich ihnen mit und wird von ihnen als ein gleichwertiger Spielgefährte akzeptiert.
Es ist, als ob sie aus ihrer Traumhülle heraustritt und mit einem erwachten Selbstbewusstsein auf die Welt zugeht.
Diesen Entwicklungsschritt hat sie im Alter von zwei Jahren und sechs Monaten gemacht.
Was aber findet hier in der kindlichen Entwicklung statt und welcher bedeutungsvolle Schritt wird für die menschliche Biographie an diesem Punkt getan?
Das Bewusstsein des kleinen Kindes innerhalb der ersten drei Jahre ist noch ein Schlafendes. Die Kinder träumen in den Tag hinein, sie haben noch kein abstraktes Erinnerungsvermögen und sind auf das Innigste mit der geistigen Welt der höheren Hierarchien verbunden. Dieses Verbundensein mit der geistigen Welt lässt sich auch als „Aura“ des kleinen Kindes bezeichnen. Warum sind wir denn als Erwachsene immer wieder aufs neue beim Anblick eines Säuglings oder Kleinkindes entzückt und auch ein wenig ver-rückt? Spricht uns da nicht der Abglanz der geistigen Welt zuinnerst an? Oder was empfinden wir bei dem Duft eines Neugeborenen, der ja erst nach und nach im Laufe des ersten Lebensjahres verschwindet. Rudolf Steiner beschriebt die kindliche Aura, die wie eine wunderbare menschlich- übermenschliche Macht das Kind umschwebt. Diese Aura, auch der höhere Teil des Menschen, hat seine Fortsetzung überall in die geistige Welt hinein.
In dieser ersten Lebenszeit vollbringt das Kind wie Gehen- Sprechen- Denken. Es arbeitet im Sinne höchster Weisheit an sich selber.
Durch die Aufrichtung stellt sich das Kind in den Raum hinein- und damit setzt es sich willentlich in Beziehung zu der äußeren Welt- der Umwelt. Es lernt immer wieder sein Gleichgewicht herzustellen, er bringt sich in ein Verhältnis zur Schwerkraft. Dies geschieht aber nicht wie beim Tier, das sich mittels seiner Organisation in die ihm entsprechende Lage bringt, sondern beim Menschen ist es allein die Seele, welche sich in Beziehung zum Raum bringt. Auf dem motorischen Organismus aufbauend entwickelt sich das Sprechen.
Mittels der Sprache artikuliert das Kind seine Bedürfnisse, Gefühle und Empfindungen. Aus diesen Fähigkeiten entwickelt sich dann das anfängliche Denken des kleinen Kindes. Aber diese Fähigkeit des Aufrichtens, Sprechens und des Denkens geschieht ohne das Bewusstsein des Kindes.
Man stelle sich nur einmal vor, wie hemmend und auch fatal das wache Bewusstsein sich in allen diesen drei Prozessen auswirken würde. Vor lauter Bewusstheit würde das Kind nie laufen, sprechen und denken lernen.
So ist das Bewusstsein noch außerhalb des Kindes und es lebt mit allen seine Sinnen eben in den Dingen, Menschen, Stimmungen und der Atmosphäre, die es umgibt. Das erlebt jeder im Umgang mit dem kleinen Kind, solange es sich mit seinem Namen benennt und Lisa zu sich sagt. Sehr wohl aber können wir ahnen, welche Persönlichkeiten in den Kindern schlummern, denn aus den Augen strömt uns die Persönlichkeit entgegen, die es einmal werden möchte.
Kinderzeichnungen einfügen!
Wenn wir einen Blick auf die ersten Kinderzeichnungen werfen, tritt uns das Phänomen deutlich auf. Wie Sternschnuppen fallen die Striche auf das Blatt und verjüngen sich, indem der Strich ausläuft. Zumeist greifen die Kinder, wenn sie die Auswahl haben zu einem hellen Gelb und malen für einen längeren Zeitraum meist mit dieser Farbe. Auch bleibt das Motiv, solange das Gleiche, bis sich ein neuer Entwicklungsschritt zeigt. Es wird ein Umkreis versucht zu malen, ein anfänglicher Kreis entsteht – auch hier wird das Kind nicht müde und es übt lange Zeit bis sich nun der Kreis schließt und irgendwann erhält der Kreis ein Zentrum, mittels Punkten und einer Kreuzung.
Bildlich gesehen steigt das „Ich“ des Kindes aus den höheren Sphären hinab auf die Erde, bildet sich seinen Umkreis und in dem Moment, indem der Kreis ein Zentrum bekommt, zieht das Ich- Bewusstsein in das Kind ein. Sein „Ich“ lebt nun nicht mehr im Umkreis, sondern es hat sich mit dem Kind verbunden. Dieser biographisch wichtige Schritt mündet darin, dass das kleine Kind nun sich als „ ICH“ nennen kann.
Ab diesem einschneidenden Ereignis setzt das Erinnerungsvermögen des Menschen ein und er empfindet sich als ein zusammenhängendes „ICH“, weil dasjenige was früher an höhere Welten angeschlossen war, dann in sein Ich hineingezogen ist. Von da an stellt das Bewusstsein überall sich selber in Verbindung zu der Außenwelt. 2
Innerhalb der Literatur gibt es beeindruckende Schilderungen wie Menschen sich an diesen Punkt des Aufleuchtens und Wahrnehmens ihres eigenen Ichs in ihrer Biographie erinnern. Über diesen Punkt hinaus haben wir keine Erinnerung mehr- wir erinnern nicht, wie wir laufen, sprechen und denken erlernt haben. Im Gegensatz dazu hat wohl aber Jeder Erinnerungen an seine Schultage mit den ersten Schreib- und Rechenversuchen!
So ist Lisas Stolz über ihre gefalteten Hände, die sie uns beim Gebet freudestrahlend entgegenstreckt, begleitet mit dem Ausruf „ Ich kann das auch“, als den Einzug und die Entdeckung ihres Ich’s zu verstehen.