Kinderstube, oder die etwas andere Art Kindergarten zu machen!

Aufgereiht wie die Orgelpfeifen gehen wir, die Kinderstube, spazieren. Aus den Blicken andere Passanten ist Skepsis und die Frage, wieder so eine Mutter, die nicht genug haben kann, zu entnehmen. Erst auf eine vorsichtige Frage, ob dies denn alle meine Kinder seien und  ich diese verneinen kann, hellt sich das Gesicht in ein erleichtertes Lächeln auf.
Was ist das denn eine Kinderstube, folgt nun die nächste Frage, denn so ein ordentlicher Kindergarten, in dem der Spaziergang in Reih und Glied erfolgt, sind wir eben auch nicht.
Eine altersgemischte Gruppe von 1- 7 Jahren, in der nicht mehr als 8 Kinder betreut werden.
Ach so etwas gibt es auch, die erstaunte Antwort!
Der vertraute, familiäre Umgang, die Altersmischung, die wenigen Kinder unterscheidet uns von anderen konventionellen Kindergartengruppen. Ganz bewußt ist das Konzept dieser Gruppe so angelegt, um auf die Bedürfnisse einzelner Kinder in einem kleinen, geschützten Rahmen einzugehen. Durch sich wandelnde soziale Strukturen in den vergangenen Jahren, die anderen Bedürfnissen und ein neues  Selbstverständnis der jungen Frauen und Mütter, gibt es einen steigenden Bedarf an Gruppen, in denen Kinder jünger als im Kindergartenalter ihren Platz finden und in einer familienähnlichen Situation heranwachsen können. Auch ist es für manches Kind möglich noch während der ersten Klasse statt in die Kernzeitbetreuung der Schule, in die Kinderstube zu gehen und so in die vertraute Umgebung zurückzukehren.

Struktur und Ablauf
In unserer Gruppe sind Kinder im Alter von 1- 7 Jahren, die von 8.00 bis 14.30 Uhr betreut werden. Aus unterschiedlichsten Gründen haben sich die Eltern für die Kinderstube entschieden. Alleinerziehende Mütter, oder zwei berufstätige Eltern und studierende Mütter erfordern eine über das übliche Maß hinausgehende Betreuungszeit. Vom Einzelkind bis zu Kindern, die Geschwister haben, ist alles vertreten.
Unser Tagesablauf lehnt sich an den des Kindergartens an. Morgens warten wir bis alle Kinder anwesend sind und beginnen mit einem kleinen Morgenkreis den Tag. Danach drängen die Kinder in das Spiel, Ältere helfen uns bei den Hausarbeiten und den Frühstücksvorbereitungen. Dabei ist es ganz klar, dass alle, auch die jüngsten Kinder sich daran beteiligen dürfen und das Obst und Gemüse mitschnippeln und Brotteig kneten.
Werden die Kleinen müde, so ziehen sie sich zurück und spielen ungestört in einer ruhigen Ecke. An das Freispiel schließt sich natürlich das gemeinsame Aufräumen an. Für die einjährigen Kinder eine nicht ganz einfache Situation, da sie häufig alle aufgeräumten Körbe kurzerhand wieder ausräumen!
Ein rhythmischer Teil, Kreisspiel oder Reigen schließt sich an. Auch die jüngsten Kinder dürfen mitmachen und falls sie damit überfordert sind, sitzen sie auf einem Stuhl und schauen mit einer Kollegin zu.

Nach dem gemeinsamen Frühstück gehen wir täglich eine Stunde spazieren. Die nähere Umgebung mit Wiesen, Wald und Spielplatz bietet sich dazu an.
Das Mittagessen folgt um 12.15 Uhr, denn  trotz eines guten Frühstücks haben die Kinder wieder Appetit und sind vor allem müde. Sie  schlafen eine gute Stunde von 13.00 -14.00 Uhr und werden um 14.30 Uhr von ihren Eltern abgeholt.
Im Gegensatz zu den anderen Gruppen besteht durch die vielen pflegerischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Windelwechseln, dem Jüngsten die Flasche zu geben, oder es in den Schlaf zu wiegen, eine sehr intime Beziehung zu den Kindern. Aber auch der Gang zur Toilette und dem Bad geschieht mit wesentlich mehr pflegerischem Aufwand und individueller Zuwendung, als in Regelgruppen. Wasser übt ja bekanntermaßen eine große Anziehung auf Kinder aus. So haben die Kinder eine wohlriechende Waschlotion und eine Handbürste zum Händewaschen und dieses wird ausreichend getan. Selbst die jüngsten drängst es immer wieder zum Waschbecken, denn neben der reinigenden Wirkung lässt es sich herrlich im Wasser plantschen. Nicht selten gibt es eine Überschwemmung, aber der Putzeimer steht zum Glück in der Nähe!
Nach dem Mittagessen folgt der Toilettengang, das Zähneputzen und wenn alle Kinder im Schlafanzug sitzen, gehen wir auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer, um die Jüngsten, die früher schlafen gelegt werden, nicht zu stören. Jedes Kind wird nun mit Lavendelöl eingerieben, ein Schlaflied wird gesungen und hier und da helfe ich dem einen oder anderen Kind einzuschlafen, indem ich seine Hand halte, oder behutsam den Rücken streichele. Alle Kinder finden in der Mittagspause Schlaf, aber für eine Stunde wird absolute Ruhe gehalten, schon aus Rücksicht auf die schlafenden Kinder.
Mit einem Wecklied ist die Pause beendet, die älteren Kinder ziehen sich an, andere werden geweckt und brauchen einfach etwas länger, bis sie ganz wach sind.
In dieser Phase des Weckens und  Anziehens, die ja von Tagesstimmungen und deren Situationen abhängen, warten die Eltern im Gruppenraum auf ihre Kinder. Oftmals dürfen die Eltern noch von unserem Nachtisch, oder Selbstgebackenem kosten. So findet das eine oder andere Gespräch statt, die Eltern nehmen einen Eindruck unseres Tages mit und dieser ist somit im Bewusstsein der Eltern. 
Alle sechs Wochen findet  ein Elternabend statt, viele Feste werden gemeinsam mit den Eltern gefeiert, um ihnen Gelegenheit zu geben, am Leben in der Kinderstube teilzunehmen.

Entwicklungschancen und - möglichkeiten der Kinder

Eine häufig gestellte Frage ist, wie ich denn allen Kindern gerecht werden kann, und wie ich die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder integriere?
In der  spezifischen Altersstruktur der Gruppe liegt eine große Chance. Unser Gruppenleben lehnt sich stark an  das Leben einer Großfamilie an. So ist die Gemeinschaft unter den Kindern vergleichbar dem Zusammenleben von Geschwistern in einer Familie. Es werden Konkurrenzkämpfe ausgefochten, es wird Rücksicht genommen, es wird Jüngeren, Schwächeren geholfen, es wird geteilt, es wird gestritten, geweint, gelacht,  und miteinander Spaß gemacht.
So liegt ein Schwerpunkt der Entwicklungschancen in der Erübung sozialer Fähigkeiten. Für viele Kinder ist es auf Grund ihrer Biografie schwer Gemeinschaft zu erleben. Die Gruppe ist ein großes Übungsfeld in einem kleinen, überschaubaren Rahmen.
Hier erleben sie lebendigen Rhythmus, der den Tag gliedert und den Kindern Vertrauen und Sicherheit schenkt.
Vorbild und Nachahmung ist ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit. Denn gerade mit den jüngsten Kindern, die im Alter von einem Jahr nicht laufen und sprechen können, ist die Fähigkeit der Nachahmung am schönsten zu beobachten. So konnte ich feststellen, wie stark unser Rhythmus und die Wiederholungen in Sprüchen, Liedern, Geschichten und Reigen auf die Kleinsten wirken. Zunächst wird ein Wort mitgesprochen, welches einen besonders starken Eindruck auf das Kind macht. Das weitet sich aus, und nimmt an Form und Fülle zu, bis das gesamte Lied, oder der gesamte Spruch mit gesprochen werden kann. Noch stärker ist dies im Reigen sichtbar geworden, wie Bewegung und Sprache aufgenommen und nachgeahmt werden. So gab es bestimmte Stellen im Michaelispiel, die auf mein jüngstes Kind so stark wirkten, dass es vom Schoss meiner  Kollegin aufsprang und mitmachte.
 Oder welch´ eine Freude und Geschenk für alle Beteiligten, wenn die ersten Schritte in der Adventsspirale gelaufen werden.
So durchzieht sich das Prinzip des Vorbilds und der Nachahmung durch alle Alterstufen, wobei sie am deutlichsten in der unteren Altersgruppierung wahrnehmbar sind, da es sich um elementare Entwicklungsschritte wie Laufen, Sprechen und Denken handelt.
Dieses Phänomen tritt ebenso  im Freispiel auf, das durch meine großen Kinder belebt und ergriffen wird. Gleich welches Thema im Spiel aufgenommen wird, es wirkt so stark, dass es die Jüngsten in der einen  oder anderen Form aufgreifen und in altersgemäßer Weise nachspielen. Dadurch  erlebe ich ein schönes Hineinwachsen in das Spiel. Auch das typische „Sammeln, Anhäufen und Nichtabgeben“ der Spielmaterialien habe ich bis jetzt in der Altersstufe zwischen 1- 3 Jahren, noch nicht erlebt.

In einer Zeit der Bewegungsarmut ist es mir besonders wichtig täglich mit den Kindern spazieren zu gehen und ihnen die Möglichkeit einer freien Bewegung zu bieten. Alle Kinder werden auf Grund der Entfernung mit dem Auto gebracht und geholt. Zudem sind die Räumlichkeiten der Kinderstube sehr begrenzt und bieten auch im Freispiel keine großen räumlichen Entfaltungsmöglichkeiten. So ist es mehr als natürlich den Kindern im zweiten Freispiel in der Natur wenig Grenzen und viel Raum zur Entfaltung zu geben.
Glücklicherweise haben wir in unmittelbarer Nähe Wald und Wiese, so dass wir dort genügend Frei- und Erlebnisraum für die Kinder haben. Auf dem Weg zu unserer Lieblingswiese, haben wir feste Haltestellen vereinbart für die Großen, so dass sie immer dort auf den Rest der Gruppe warten und lernen sich innerhalb festgesetzter Grenzen frei zu bewegen. Sind wir auf  unserer Wiese angekommen, dürfen die Kinder frei herumtollen, springen, rennen kullern..... Bis jetzt habe ich noch keinen Tag erlebt, an dem die Kinder keine Spielideen hatten. Immer wird aus einer Bewegung ein Spiel geboren, wie zum Beispiel, im Winter auf dem Hosenboden auf dem Eis hinunter zu rutschen um anschließend auf allen  Vieren wieder nach oben zu krabbeln. Im Frühjahr auf der frischen Wiese sich hinunterkollern zu lassen, im Sommer zu balancieren, Kreisspiele zu machen und zu picknicken.

Im Herbst Mut zu beweisen und auf die Bäume zu steigen, in Büschen und Dornenhecken zu spielen, jedes Stöckchen und Steinchen zu sammeln, hinter den Faltern herzuspringen und sie fangen zu wollen. Ein nimmer endendes Spiel für die zweijährigen Kinder und ein entzückendes dazu!
Aus der Aufzählung lässt sich erahnen, welche Chancen sich hinter den so einfachen Spielen verbergen!
Die Kinder sind mit allen Sinnen in diesen Spielen involviert. Sie üben spielerisch den Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Lebenssinn, Tastsinn, also die basalen Sinne, deren Ausbildung im ersten Jahrsiebt von grundlegender Bedeutung für eine gesunde Entwicklung ist. Außerdem spielen die Kinder mit den sie umgebenden Naturmaterialien, eben allem, was sie auf dem Weg finden und dies beflügelt ihre Phantasie und ihr Vorstellungsvermögen. So ist ein Kiefernzapfen ganz flink mit kleinen Zweigen in einen Zwerg verwandelt......
In der Regelmäßigkeit über das ganze Jahr hinweg erleben die Kinder die Veränderungen der Natur, eben nicht nur durch Betrachten, sondern durch das eigene elementare Erleben.

Elternarbeit
Im Gesamtorganismus des Kindergartens hebt sich die Kinderstube, auf Grund ihres Konzeptes deutlich von den anderen Gruppen ab. Dies betrifft in einem besonderen Teil auch die Elternarbeit. Während es in den Regelgruppen üblich ist anfallende häusliche Tätigkeiten wie Wäsche etc, den Eltern zu übergeben, werden diese Arbeiten von uns erledigt, da wir die berufstätigen Eltern auf diese Art und Weise entlasten wollen. 
Gerade, weil wir eine so kleine Gruppe sind, in der die Kinder eine lange Zeit verbringen, ist es mir um so wichtiger einen guten Kontakt zu den Eltern zu pflegen. So möchte ich beim Bringen oder auch  Abholen  mit den Eltern ein persönliches Wort wechseln können, denn so erfahre ich, wie es dem Kind und seinen Eltern geht. Der familiäre Hintergrund, und das aktuelle Familienleben ist nicht unwesentlich für meine Arbeit und mein pädagogisches Handeln. Dabei aber geht es mir nicht um ein vordergründiges Interesse, sondern viel mehr um Verständnis, Verstehen und Akzeptieren und innerliches Begleiten der Familie und des Kindes. Aus diesem Verständnis und einem wirklichen Interesse bildet sich eine große Vertrauensbasis, auf der sich eine fruchtbare Elternarbeit gestalten lässt.
So liegt ein Schwerpunkt meiner Elternarbeit darauf, die Eltern für die Entwicklungsschritte der Kinder zu sensibilisieren, und die Beobachtung und Wahrnehmung für die Kinder zu intensivieren. Dazu binde ich die Eltern in die Festesvorbereitungen, sowie die Feste selber mit ein. Zu Beginn jedes Kindergartenjahres machen wir einen gemeinsamen Ausflug, dem sich ein Picknick anschließt. So haben „neue wie alte“ Familien Gelegenheit sich außerhalb des Gruppenalltags kennen zulernen. 
Unter den Eltern haben sich Freundschaften gebildet, ein soziales Netzt ist aufgebaut, so dass sich die Eltern gegenseitig aushelfen, sei es mit dem Abholen, oder auch dem Betreuen anderer Kinder.

Gerade in der heutigen Zeit, in der große gesellschaftliche Veränderungen stattfinden, traditionelle Formen des Zusammenlebens sich auflösen, und die Eltern als Suchende von ihren Kindern erlebt werden, sehe ich diese Form der Familiengruppe als zukunftsweisend für viele der Kinder, die in unseren Einrichtungen betreut werden. Nicht, um etwa Eltern ihrer Verantwortung an Erziehung ihrer Kinder zu entbinden. Aber ich sehe die Art und Weise, wie wir  unsere Gruppenleben gestalten, als eine Hilfe für Eltern, nicht zuletzt als Vorbildfunktion. Zudem können wir Kindern in der Kleingruppe  den nötigen Schutz und Rahmen geben, die das individuelle Familienleben ergänzen.
Wir werden von der Stadt Stuttgart im Rahmen der altersgemischten Gruppen, 0 -9 Jahren bezuschusst. Die Anzahl der Kinder richtet sich nach den Räumlichkeiten und der vorhandenen Quadratmeter, die der Gruppe zur Verfügung stehen. Zwei ausgebildete Erzieher, Gruppenleiterin und Zweitkraft, arbeiten in der Gruppe, um für eine ausreichende Kontinuität zu sorgen.
Die Kinderstube, die auf Ideen und Umsetzungen der Kleinkindgruppe Helle Heckmanns, Dänemark, zurückgehen, ist eines von vielen Beispielen Waldorfpädagogik zeitgemäß zu leben.
Aus meiner langjährigen Berufspraxis ist das Konzept der Kinderstube für mich die intensivste Art und Weise Waldorfpädagogik zu leben und zu durchdringen.

Verfasser: Marie-Luise Compani, Stuttgart