Fragen und Antworten
Wie ist der Waldorfkindergarten entstanden?

Im Frühjahr 1919, wenige Monate nach dem Ende des ersten Weltkriegs wird Rudolf  Steiner (1861 –1925) vom Betriebsrat der Waldorf- Astoria- Zigarettenfabrik in Stuttgart/Deutschland gebeten, für die Mitarbeiterkinder der Fabrik eine Freie Schule zu gründen. Der Besitzer der Fabrik, Emil Molt (1876-1963) unterstützt diesen Wunsch ideell und auch finanziell und Rudolf Steiner ist bereit, die ersten Lehrer auszubilden und begleitet die Entwicklung dieser ersten Waldorfschule bis wenige Monate vor seinem Tod

Die  Stuttgarter  Freie Waldorfschule beginnt am 7. September 1919 mit 256 Schülern und ihre Zahl wächst rasch auf  790 an.

Gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Jungen, zwei Fremdsprachen ab der ersten Klasse, Epochenunterricht (Blockunterricht), Gesamtschule von Klasse 1 bis 12, Verzicht auf Sitzenbleiben, künstlerische Gestaltung des Unterrichts, Praktika in der Landwirtschaft und in sozialen Einrichtungen, Eurythmie, Technologie-Unterricht, ausführliche Textzeugnisse, Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung, Selbstverwaltung der Schulen – all das ist pädagogische und soziale Realität seit Gründung der ersten Waldorfschule bis heute.

Die ersten Waldorfkindergärten werden Ende der 20ziger Jahre in Stuttgart und Hannover  gegründet ( Elisabeth von Grunelius, Klara Hattermann) Auch die Waldorfkindergärten sind  freie und öffentliche Einrichtungen und verwalten sich selbst; sie sind ebenso wie die Waldorfschulen, unabhängig von Staat und Kirche, wobei die schulischen Abschlüsse in der Regel staatlich anerkannt sind und in einigen Ländern der Staat die Waldorfschulen und Waldorfkindergärten auch finanziell unterstützt.

Die 920 Waldorfschulen und 1600 Waldorf- Kindergärten haben sich mittlerweile über weite Teile der Welt ausgebreitet, so finden wir sie in allen europäischen Ländern, in Afrika, Mittel-und Südamerika, U.S.A., Kanada, Russland, Japan, Indien, Süd- Korea, Australien, Neuseeland, Ägypten, Israel, Taiwan,  auf den Philippinen, seit kurzem auch in China und vielen anderen Ländern. Zur Zeit sind es etwa 6o Länder, in denen Waldorfpädagogik Bestandteil des jeweiligen Erziehungs- und Bildungsangebotes ist.

Gibt es einen Lehrplan für den Kindergarten?  

„Nicht Forderungen und Programme sollen aufgestellt, sondern die Kindesnatur soll einfach beschrieben werden. Aus dem Wesen des werdenden Menschen heraus werden sich wie von selbst die Gesichtspunkte für die Erziehung ergeben“ (Rudolf  Steiner, Berlin, 1907) 

Waldorfpädagogik setzt immer bei der Individualität des einzelnen Kindes und Jugendlichen an, versucht dem „Wesen des Kindes“, seinen Begabungen, Neigungen und Fähigkeiten auf die Spur zu kommen und gestaltet aus den auf diese Weise gewonnenen Erkenntnissen den Erziehungs- und Bildungsprozesses lebendig und schöpferisch.  

Waldorfpädagogik ist eine Erziehungmethode „vom Kinde aus“ und nicht eine Erziehung nach „Plan oder Programm“. Sie beachtet die in der Natur des Kindes und Jugendlichen liegenden körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklungsschritte und begleitet und unterstützt diese. So vermeidet sie eine die kindliche Entwicklung  verfrühende und beschleunigende Methode ebenso wie eine die Entwicklung verzögernde.

“Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen“(R.Steiner, Oxford, 1922)

Der Erziehungs- und Bildungsprozess basiert auf  Zuneigung und liebevoller Hinwendung zum Kind und Jugendlichen, er ist nie ein programmatisch/dogmatischer, sondern ein lebendig/künstlerischer.

Dies ist sicher auch der Grund für die weite Verbreitung der Waldorfpädagogik. Sie ist zwar in Deutschland begründet worden, aber sie ist keine „deutsche Pädagogik“, sondern eine Erziehungsmethode für die Kinder und Jugendlichen dieser Welt. Waldorfpädagogik wirkt belebend und impulsierend in ganz verschiedene Kulturen, religiöse Orientierungen und gesellschaftliche Verhältnisse hinein- sie ist eine menschliche Pädagogik.

Wie fing es anmit der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V.?

Als Ende sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts im Gefolge der Studentenbeweung das gesamte Gesellschafts- und Bildungssystem auf den Prüfstand kam, setzt damit auch bei vielen Eltern und Pädagogen ein Bewußtseinswandel ein. Die bestehenden Konzeptionen im Kindergarten- und Schulbereich waren in die Kritik geraten, traditionelle Erziehungs- und Bildungsmethoden und Bildungsziele wurden in Frage gestellt und neue neue pädagogische Alternativen gesucht.

Während sich die einen von einer stärkeren Verschulung des Kindergartens( z.B. Einteilung der Kinder in Jahrgangsklassen) eine Verbesserung versprachen, erkannten viele Eltern und Erzieher in der Waldorfpädagogik eine zukunftsweisende Alternative.

Seit Ende der 20 ziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte es in Deutschland und einigen anderen Ländern bereits Waldorfkindergärten gegeben, in den fünfziger Jahren organisierten die Waldorferziehrinnen gemeinsame Tagungen, nun aber, nach einer Initiative von Klara Hattermann in Hannover und Dr. Helmut von Kügelgen in Stuttgart, schlossen sich im Oktober 1969 Waldorfkindergärten und Erzieher-Seminare zur Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten zusammen.

Wie sieht es heute aus?

Seit dieser Zeit und bis heute breitet sich die Waldorfkindergarten Pädagogik mit großer Dynamik über die Welt hin aus:

-In Deutschland gibt es zur Zeit 550 Waldorfkindergärten mit 20.000 Kindern.

-In fast 60 Ländern der Welt bestehen weitere 1450 Waldorfkindergärten

In Deutschland gibt es zur Zeit 13 Waldorferzieher-Seminare und Fachschulen, in den anderen Ländern sind es etwa 36.

Wer war Rudolf Steiner?

Nach dem Abitur 1879 studiert Steiner an der Technischen Hochschule Wien: Mathematik, Physik, Naturgeschichte und Literatur.Nach dem Abschluß des Studiums wird er für  mehrere Jahre Herausgeber von „Goethes naturwissenschaftlichen Schriften“, 1891 Promotion zum Doktor der Philosophie zum Thema: Die Grundlage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre.

1893 erscheint: „Die Philosophie der Freiheit“.

1899 Steiner wird er für mehrere Jahre Dozent an der Arbeiterbildungsschule“ Wilhelm Liebknecht“ in Berlin.

Ab der Jahrhundertwende bis zu seinem Tod 1925 entfaltet Rudolf Steiner eine intensive Vortragstätigkeit (etwa 6000 Vorträge) in ganz Europa, verfaßt  Bücher zu pädagogischen, theologischen, medizinischen, sozial- wissenschaftlichen und erkenntnis- theoretischen Themen. Steiner gibt entscheidende Impulse zur Erneuerung der Landwirtschaftsweise, der Heilmittelherstellung, der Pädagogik und der Heilpädagogik, wirkt inspirierend in der Baukunst, der bildenden Kunst und  der Bühnenkunst, begründet 1912/1913 die Anthroposophische Gesellschaft, hält Kurse für Lehrer, Priester, Mediziner, Naturwissenschaftler, Landwirte.

Die Rudolf- Steiner- Gesamtausgabe umfaßt 340 Bände und dokumentiert ein gewaltiges Lebenswerk, das in seiner Intensität und Vielseitigkeit zu den größten Leistungen der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zählt und bis heute impulsierend, gestaltend und anregend in viele Lebensfelder hineinwirkt.